Herzlich Willkommen auf meinem Blog!


Diese Seite soll mir helfen Euch meine Erfahrungen, meine Eindrücke und meinen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in Bangladesch näher zu bringen.

Von September 2008 bis August 2009 arbeite ich zusammen mit NETZ Bangladesch bei der Entwicklungsorganisation Ashrai. In dieser Zeit bin ich in einem Grundbildungsprogramm in der Region um Joypurhat tätig.

Nähere Infos zu dem Projekt findet Ihr "hier".

Ich werde mich bemühen regelmäßig aus Bangladesch zu berichten. Ihr habt zu jedem Post die Möglichkeit Kommentare abzugegen. Solange nicht anders gewünscht, werde ich die Kommentare nach einer Prüfung meinerseits veröffentlichen. Gerne dürft Ihr mir auch auch E-Mails schreiben oder mich auf eine andere Weise kontaktieren.


Peter


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Samstag, 21. Februar 2009

Muttersprache

21.02.2009

"Die Sprache ist das allerhöchste Gut. Dementsprechend sollte es auch gewürdigt werden."

Die Sonne ist noch nicht ganz aufgegangen und schon klopft es an meinem Fenster. Es ist der 21. Februar. Internationaler Tag der Muttersprache. Vor 57 Jahren erklärte die pakistanische Regierung Urdu zur alleinigen Amtssprache. Bangladesch war damals ein Teil von Pakistan. Am 21. Februar kam es zu Protesten in Dhaka. Gegen den Entschluss der Regierung und für die Muttersprache Bangladeschs. Bei den Demonstrationen gab es Tote. Seit der Unabhängigkeit Bangladeschs wird dieser Tag nun gefeiert. Zu Ehren und Gedenken der Märtyrer und zur Erinnerung an den Kampf für die eigene Sprache. Seit 2000 ist es ein offizieller von der UNESCO anerkannter Gedenktag.

Meinen Kollegen muss ich erst einmal erklären, dass wir diesen Tag nicht feiern und dass ich vorher noch nie etwas davon gehört habe. Diese sind daraufhin ein wenig pikiert und belehren mich nochmals, dass es doch ein internationaler Feiertag sei. Dass ich ihrer Tradition trotzdem folge, freut sie wieder und der Missmut über meine Unwissenheit ist schnell vergessen. Doch jetzt muss es schnell gehen. Wir wollen schließlich nicht die letzten sein, die beim Denkmal in der Stadt eintrudeln. Zur Tradition gehört es ein Bouquet vor das Denkmal zu legen. Da ich am meisten Geld für die Blumen ausgegeben habe, wird mein Name als erstes auf dem Arrangement genannt.

Nur fährt man nicht einfach zum Denkmal, nein, man läuft. Barfuß. Von unserem Büro aus wandern wir also los. Es ist früh morgens, die Sonne geht gerade auf und der Boden ist kalt. Winter in Bangladesch. Die einzige Lösung gegen die Kälte heißt: schneller Laufen. Unterwegs begegnen uns viele andere Gruppen. Schulklassen, Mitarbeiter anderer Organisationen und Familien, die sich mit ihrem Blumenarrangement auf den Weg gemacht haben. Glücklicherweise ist der Weg nicht allzu weit, so dass wir nach kurzer Zeit das Denkmal erreichen. Wir sind nicht die ersten und so ist das Denkmal bereits mit Blumen gefüllt. Ehrwürdig steigen wir die Stufen hinauf und platzieren unseren Strauß. Auf der anderen Seite geht es wieder hinunter. Und so schnell wie wir gekommen sind, machen wir uns auch schon wieder auf den Weg zurück zum Büro. Erst frühstücken und dann noch ein wenig schlafen.

Samstag, 7. Februar 2009

Geburtstagsmahl

07.02.2009

"Geburtstag gut überstanden. Mit viel Essen, tollen Geschenken und etwas anderen Traditionen."

Ein bengalischer Geburtstag. Das wird mit Sicherheit interessant. Doch schon meine Gästeliste fällt sehr unbengalisch aus. Normalerweise sollte ich die Leute mit den höheren Positionen im Management meiner Organisation einladen. Davon halte ich allerdings nicht sehr viel und ich lade lieber diejenigen ein, die ich mag. So kommen heute nicht nur drei Kollegen, sondern auch die Hausangestellten, der Koch, der Nachtwächter und der Ladenbesitzer von gegenüber. Das Geburtstagsmenü ist wiederum ganz bengalisch. Es gibt nur das Beste der bengalischen Küche. Polau, eine besondere, mit vielen Gewürzen zubereitete Form von Reis, darf dabei nicht fehlen. Außerdem gibt es Ziegenfleisch, einen teuren Fisch, verschiedenes Gemüse, Salat und natürlich reichlich Nachtisch. Doi und Rosho Golla, zwei regional hergestellte Süßigkeiten.

Die Gäste kommen natürlich größtenteils zu spät. Aber das ist ja auch in anderen Ländern nicht unüblich. Dass ich sie, ohne mich mit meinen Gästen zu unterhalten, warten lasse, entspricht meiner Gastgeberrolle in Bangladesch. Als alle da sind, gibt es Kekse und Äpfel als kleinen Snack vor dem großen Essen. Wieder dürfen meine Gäste warten, ich bleibe in der Küche und sehe zu, dass alles nach Plan läuft. Es vergeht fast eine Stunde, bis ich mich selbst zu meinen Gästen setze. Jetzt kommt die Geburtstagstorte, die mir die Hausangestellten schenken. Ein einziger Klotz aus Zucker. „Happy Birthday to Petar“, prangt auf dem Klotz. Beim Anschneiden muss mir natürlich geholfen werden. Mein Kollege mit der höchsten Stellung führt meine Hand. Ihm gebührt auch die Ehre mich als erstes zu füttern. Ich gebe jedem ein Stück Torte. Mir allerdings gehört immer der erste Biss. Bis ich mein eigenes Stück bekomme, habe ich schon mindestens fünf gegessen.

Nach der Torte bekomme ich auch Geschenke. Neben einigen Geburtstagskarten, einem Block samt Stift und Shampoo, werden mir auch etwas bengalischere Dinge Geschenk. Aus einer kleinen Schachtel hole ich einen matten Glaszylinder mit Rosenmuster und einem runden, goldenen Knauf als Deckel. Als ich die Flasche öffne, muss das Parfüm natürlich gleich an mir getestet werden und ich werde von oben bis unten eingesprüht. Ein etwas stechender Geruch schleicht sich in meine Nase. Ich bedanke mich und öffne ein weiteres Päckchen. Eine kleine Schneekugel kommt zum Vorschein. Die Kugel steht auf einem Geburtstagstortenpodest mit einem „Happy Birthday“-Schriftzug. Zu meiner Verwirrung befindet sich in ihrem Inneren ein Brautpaar. Mein Favorit ist das letzte Geschenk, das ich bekomme. Eine Uhr in Gitarrenform. Der blaue Körper der Gitarre glitzert und sogar die Saiten lassen sich zupfen.

Nun soll es aber endlich Essen geben. Obwohl es viel zu viel ist und jeder mehr als genug bekommt essen alle auf und bekommen noch Nachschlag. Als alle fertig sind, esse ich immer noch. Nicht weil ich wesentlich mehr hatte, sondern aus dem einfachen Grund, dass Bengalen wesentlich schneller essen. Nachdem Nachtisch gibt es noch Tee. Dann sind alle schnell verschwunden. Auch so eine bengalische Angewohnheit. Da die Hausangestellten, der Koch und der Nachtwächter im Büro bleiben, machen wir uns noch einen schönen Abend und lassen den Geburtstag mit Musik, Tanz und Alkohol ausklingen.

Samstag, 31. Januar 2009

Weisheitsgöttin

31.01.2009

"Hätte ich gewusst, dass aus dem geplanten Morgenausflug ein ganzer Tagesausflug wird, wäre ich vielleicht nicht mitgekommen."

Der Nachtwächter klopft ein mein Fenster. Ich öffne und wir unterhalten uns eine Weile. Bevor ich mich von ihm zum Schlafen verabschiede, lädt er mich ein. „Morgen feiern wir eine große Puja. Willst du mit?“, fragt er mich und freut sich dann, als ich zustimme. Es ist sieben Uhr morgens, als es wieder an mein Fenster klopft. Ich wache auf und öffne etwas verschlafen. Ich soll mich beeilen, es ginge gleich los. Also dusche ich mich schnell, ziehe mich an und frühstücke. Zwanzig Minuten später stehe ich startbereit vor dem Büro. Und wie versprochen geht es auch schon los. Das Dorf des Nachtwächters erreiche ich mit der Rickshaw in knapp einer halben Stunde. Er fährt mit dem Fahrrad nebenher. Es ist ein kühler und etwas nebeliger Morgen.

Die Rickshaw hält an der Hauptstraße an. Den Rest gehe ich zu Fuß. Wie versprochen kommen wir auch schon an den ersten Altären vorbei. Ich lasse mir erklären, dass heute zur Göttin der Weisheit gebetet wird. Große Trommeln geben den Takt der Gebete an. Wir beobachten die Szene eine Weile und gehen dann zu seinem Haus. Es ist ein kleines Häuschen aus Lehm mit einem Raum und einer kleinen überdachten Veranda. Das Dach besteht aus Stroh. Seine Frau bereitet gerade den Eingang des Hauses vor. Mit weißer und roter Farbe malt sie Fußspuren vom Altar in ihr Haus, damit die Göttin den Weg findet. Auf dem kleinen Altar vor dem Haus stapeln sich die Schulbücher der jüngsten Tochter. Die Göttin soll ihr zu guten Ergebnissen in der Schule verhelfen.

So wie die Familie des Nachtwächters haben auch die meisten anderen Familien in dem kleinen Dorf einen Altar mit Büchern aufgebaut. Die Lehmwände der Häuser sind bunt verziert und wer es sich leisten kann, hat sogar eine Statue der Göttin. Ich werde an einen großen Platz etwas abseits des Dorfes geführt. Hier soll später das eigentliche Fest stattfinden. Das ganze Dorf hat eine große Statue beschafft. Neben dem Altar ist eine Kochstelle. Das Essen wird erst als Opfergabe vor den Altar gelegt und später von allen gemeinsam gegessen. Doch bis dahin dauert es noch eine Weile. Es sieht ganz danach aus, dass die Zeremonie wohl erst nach dem Mittagessen anfängt. Bis dahin wollte ich eigentlich schon wieder im Büro sein.

Es gibt erst einmal Mittagessen. Zusammen mit dem Nachtwächter esse ich Reis und Fisch. Frau und Kinder müssen warten bis wir fertig sind. Nach dem Essen bietet er mir an, mich ein wenig auszuruhen. Er müsse noch einige Sachen erledigen und das Fest beginnt so wie so später. Also nehme ich auch dieses Angebot dankend an und lege mich auf das einzige Bett der Familie und döse. Als ich wieder aufwache ist es schon fast dunkel. Aber es dauert noch ein paar Minuten, bis der Nachtwächter wiederkommt. Nun geht es endlich zur großen Feier. Und in der Tat haben sich viele Menschen des Dorfes dort versammelt, wo vor ein paar Stunden nur wenige das Fest vorbereitet hatten. Mit lauter Musik und großem Tanz schreitet das Fest voran. Als auch ich aufgefordert werde zu tanzen und der Bitte nachkomme, scheint die Puja ein voller Erfolg zu sein.

Donnerstag, 1. Januar 2009

Jahresrennen

01.01.2009

"Und so fängt das neue Jahr an. Obwohl die Feier gefühlt noch im alten Jahr endet."

Als wir um kurz nach elf im Diplomatenviertel Dhakas ankommen, sieht man nicht sehr viel von feiernden Menschen, die die Straße belagern und sich auf das neue Jahr freuen. Warum auch? Heute ist ein normaler Tag. Ein Tag mitten im Jahr. Vielleicht der achte oder neunte Monat. Jedenfalls nach bengalischem Verständnis. Dennoch hat sich die Regierung Sorgen um die ganzen Ausländer gemacht, die, wie auch wir, an dem heutigen Tag Dhaka unsicher machen wollen. Deswegen hat sie vorsichtshalber im ganzen Viertel Polizisten und Sondereinsatzkommandos postiert, die dafür sorgen sollen, dass niemand auf der Straße feiert oder gar Alkohol trinkt. Die schwer bewaffneten Männer jagen sogar die harmlosen Rickshawfahrer weg, die sich an einer Straßenecke ausruhen wollen. Also finden die wenigen Feiern hinter verschlossenen Türen statt. Von den wenigen Privatpartys haben wir uns eine ausgesucht, die nicht ganz so teuer sein soll.

Die Straßen scheinen wie leer gefegt, als wir mit einer Rickshaw vor dem empfohlenen Club halten. Es ist inzwischen halb zwölf. Wir hatten uns mit mehreren getroffen und es ist später geworden als geplant. Nun stehen wir also direkt vor der Feier. Über die hohen Mauern schallt die Musik. Mit der Gewissheit, dass hier auch alkoholische Getränke ausgeschenkt werden, kann man sich ungefähr vorstellen, wie es innen aussieht. Trotzdem stehen wir immer noch draußen. Wir wussten, dass man eine Einladung braucht. Aber für zwei von uns haben wir keine mehr bekommen. Silvester vor verschlossenen Türen feiern ist nicht wirklich schön, während andere sich nur ein paar Meter weiter vergnügen. Eigentlich trennt uns nur die Mauer. Wir fällen die Entscheidung, dass ein Teil vorgeht und versucht jemanden zu finden, der die Einladung aussprechen kann. Jedes Mitglied des Clubs könnte dies tun, sollte er nicht schon andere Leute eingeladen haben.

Ich warte also mit einer anderen Freiwilligen draußen. Es ist kurz vor zwölf. Für den Einlass ist es eigentlich schon zu spät, als es von der anderen Seite schallt: „Wir haben jemanden! Ihr könnt rein!“ Und tatsächlich kommen wir noch rein. Noch drei Minuten. Drinnen legen wir unsere Sachen in einer Ecke ab. Die nächsten Schritte führen mich direkt zur Bar. Angekommen, muss ich feststellen, dass ich Getränkemarken brauche. Also wieder auf die andere Seite. Noch zwei Minuten. Ich investiere das meiste meines Geldes in die kleinen Papiermarken, ohne zu wissen, dass die Feier schon um drei Uhr zu Ende sein wird und ich mindestens die Hälfte davon zum Schluss für Bierdosen ausgebe, um es in meiner Tasche wieder mit nach Hause zu nehmen. Noch eine Minute. Ich hechte wieder zur Bar. Die Sekunden verstreichen. Irgendetwas braucht man zum Anstoßen, das steht fest. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich endlich meine Bestellung aufgeben kann. Zehn, neun. Als der Countdown einsetzt, reiche ich dem Barkeeper ein paar meiner Marken. Sechs, fünf. Immer noch ohne Getränk kommt das neue Jahr näher und näher.

Auf drei stellt der Barmann die beiden Gläser ab. Ich nehme sie und gebe eins in der letzten Sekunde weiter. Gerade noch rechtzeitig stoße ich mit meinem Gegenüber an und nehme einen großen Schluck Gin Tonic. Ich komme mir abgehetzt vor und stelle fest, dass ich in dieses Jahr wohl eher gerannt als gerutscht bin.

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Weihnachtstopfpflanze

24.12.2008

"Weihnachten oder „boro din“ – der große Tag – wird in Bangladesch nur von einer kleinen Minderheit gefeiert. Kein Weihnachtsschmuck, keine Schokoladenweihnachtsmänner und keine Weihnachtsbäume."

Ich bin gerade aufgestanden. Heilig Abend. Es liegt weder Schnee noch ist es kalt. In den letzten Monaten war von Weihnachten wenig zu sehn. Die sonst allgegenwärtige Vorfreude blieb aus. Dennoch sind wir der Meinung, dass wenigstens ein wenig gefeiert werden muss. Der Restaurantbesuch am Abend steht fest. Uns fehlt aber immer noch etwas, um Stimmung zu schaffen. Wir brauchen einen Weihnachtsbaum.

Wir sitzen auf der Terrasse. Unser Blick fällt auf die großen Topfpflanzen, die ringsum das Geländer aufgestellt sind. Sie gleichen zwar ganz und gar nicht einer Tanne, aber das Geäst sollte für unsere Zwecke reichen. Der kleine Baum findet sich in einem großen, grünen Fass. Das Heben bereitet uns Schwierigkeiten. Auf einer Pappe, die wir in einer Abstellkammer gefunden haben, lässt sich die Pflanze dann doch über die Fliesen schleifen. Unabsichtlich hinterlassen wir einen schwarzen Streifen auf dem Boden.

Es dauert eine Weile bis wir den richtigen Platz in dem Zimmer nebenan finden. Wir beginnen den wenigen Weihnachtsschmuck den wir haben am Baum zu befestigen. Nach und nach füllen sich die Äste und die langweilige Pflanze wird zu einem bunt geschmückten Objekt. Glitzerfolie, die wir extra gekauft hatten, lässt auch das Metallfass erstrahlen. Der bengalische Weihnachtsmann, der nicht hell- sondern dunkelhäutig ist, ist der ganze Stolz unseres Prachtstücks. Das ganze sieht recht ungewöhnlich aus, aber es erfüllt seinen Zweck. Und so bringen die Weihnachtstopfpflanze und die selbstgebackenen Plätzchen auch ein wenig Weihnachten nach Bangladesch.

Dienstag, 16. Dezember 2008

Siegestag

16.12.2008

"Die Straße ist gesperrt. Eine Masse an Menschen geht voller Euphorie an mir vorbei. Sie singen und tanzen für ihr Land."

16. Dezember 1971, Pakistan steht zu seiner Niederlage und der neunmonatige, blutige Krieg hat ein Ende. Die Unabhängigkeit hat das bengalische Volk viele Opfer gekostet. In dem „Liberation War Museum“ lese ich von einem Jungen, der am Morgen des 16. Dezembers auf die Straße läuft und den Sieg Bangladeschs bejubelt, während er eine selbst gemachte Flagge schwingt. Er wird von pakistanischen Soldaten erschossen. Eines der letzten Opfer des Krieges.

Schon seit Tagen kann man in Dhaka bengalische Fahnen kaufen. An jedem Auto, jeder CNG und jeder Rickshaw weht das Symbol der Unabhängigkeit. Eine Euphorie überkommt das Land, wie man sie in Deutschland nur beim Fußball findet. Ich bin unterwegs zum Landesmuseum. Paraden gibt es überall in der Stadt. Um zehn Uhr soll es losgehen. Pünktlich erreiche ich das Ziel. Einige Leute haben sich schon vor dem Museum versammelt. Von der Parade fehlt jede Spur. Ich warte und die Minuten vergehen. Ich beginne mich zu fragen, ob ich an dem richtigen Ort bin. Es öffnet sich ein Tor und Leute mit Fahnen und Kleidung in rot und grün strömen aus den Mauern.

Hunderte von Menschen folgen. Am Ende zieht eine Masse von jungen Bengalen eine riesige Statue von bengalischen Freiheitskämpfern. Begleitet von Trommeln und dem wilden Geschrei der Beteiligten setzt sich der Zug in Bewegung. Eine großflächige Flagge nimmt die ganze Straße ein. Kinder laufen unter der Fahne und freuen sich über das Spektakel. Die Parade lockt viele Besucher an, die ebenfalls ausgelassen feiern. Auch Pressevertreter beobachten das Geschehen. Als mich ein Kamerateam entdeckt, kommt es auf mich zu. Über ein kleines Statement von einem Ausländer würden sie sich freuen, sagen sie mir und halten mir ein Mikrophon vor die Nase. Etwas überfordert, verweise ich auf zwei andere Freiwillige. Als sie uns ein paar Sätze abringen können, treten sie den Rückzug an. Ich höre wie der Reporter sagt: „Das ist gut gelaufen.“ Der Kameramann nickt zustimmend.

Ich laufe der Parade wieder nach. Von der Begeisterung der Menschen überwältigt, verliere ich Gedanken daran, wie dieser Nationalstolz wohl in Deutschland aussehen würde.

Sonntag, 23. November 2008

Wettbewerbsrichter

23.11.2008

"Blume oder Haus und Kuh? Ich entscheide mich für die Blume. Die anderen sind begeistert und stimmen mir zu."

Einmal im Jahr soll in Schulfest veranstaltet werden. Das Schuljahr endet gerade für die Erstklässler. Wir sind auf dem Weg in eines der umliegenden Dörfer. Fünf Klassen sollen sich heute hier treffen. Die Sonne scheint und es ist etwas wärmer als in den letzten Tagen. Die Reisfelder sind mittlerweile nicht mehr so grün, dennoch gibt der Dorfplatz eine schöne Atmosphäre. Wir kommen mit dem Motorrad an. Eltern und Lehrer sind noch mit dem Aufbau beschäftigt. Alles erstrahlt in bunten Farben. Alle Kinder sind auch schon da und ein paar Leute aus den umliegenden Dörfern tragen Bauchläden und verkaufen Nüsse und andere Süßigkeiten.

Unter einer bunten Plane wird ein langer Tisch aufgebaut. Dahinter Stühle, für geladene Gäste, Mitarbeiter und Lehrer. Neben dieser Bühne hat jede Klasse einen kleinen Stand, an dem die Schüler Gebasteltes und Tonarbeiten vorstellen. Der Platz füllt sich langsam. Immer mehr Menschen kommen und ich mir kommt es vor, als wäre dieses Schulfest eine richtige Großveranstaltung. Auch ich schlendere zwischen den Ständen umher. Mit ein paar Erdnüssen in der Hand sehe ich mir die vielen Arbeiten der Kinder an. Ich mache Bilder und unterhalte mich mit den Kindern und den Lehrern.

Aus einem großen Lautsprecher, der provisorisch in einem Baum auf gehangen wurde, schallt erst lautes Rauschen und dann eine Stimme. Die Kinder um mich herum bewegen sich auf die Bühne zu und setzten sich auf den Boden davor, der mit Planen bedeckt ist. Eine Lehrerin weist mir an mitzukommen. Ich werde auf einem der Stühle hinter dem langen Tisch gesetzt. Ein Mitarbeiter fängt wieder an über den Lautsprecher zu reden. Die Rede dauert einige Minuten. Alle Kinder hören gespannt zu und verfolgen das Ereignis unerwartet leise. Das Mikrophon wird weitergereicht. Diesmal ist die Rede etwas länger. Ich verstehe kaum ein Wort. Dann aber höre ich meinen Namen. Mein Kollege streckt mir das Mikrophon entgegen. „Sag irgendwas. Auch auf Englisch, wenn du willst.“ Etwas verdutzt überlege ich, was ich sagen könnte. Ich schüttele mir ein paar Worte aus dem Ärmel und hoffe damit meiner Aufgabe genüge zu tun, von der ich bis gerade noch nichts wusste.

Nach zwei weiteren Reden fängt das Fest nun endlich an. Mal-, Tanz- und Gesangswettbewerbe zwischen den Klassen bilden das Rahmenprogramm. Ich bin jetzt Wettkampfrichter. Auch das hat mir mein Kollege gerade erst gesagt. Gesagt, getan. Jede Vorführung wird bewertet. Komischerweise ist mein Favorit gleichzeitig der Favorit aller anderen Juroren. Die Kinder vor allem die Mädchen haben sich besondere Kleider angezogen oder sind geschminkt. Alle sind mit vollem Einsatz dabei und man sieht ihnen an, dass sie den Wettbewerb für sich entscheiden wollen.

Als letztes kommt der Malwettbewerb. Zehn Minuten hat jedes Kind, das mitmachen will. Die meisten Schüler malen ihr Zuhause oder die Umgebung. Vögel, Kühe, Ziegen und andere Tiere bilden sich ab. Die bengalische Fahne ist fast auch immer dabei. Ein paar Minuten später liegen alle Bilder auf dem langen Tisch. Alle beraten sich, aber unter den letzten zwei Bildern darf ich die große Entscheidung fällen. Nach bestem Gewissen wähle ich eins aus, um den Sieger zu bestimmen.

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Regentanz

09.10.2008

"Nass bis auf die Knochen sitze ich unter einen Plastikplane. Laute Musik lässt den Untergrund beben. Neben mir ein brummender Motor. Ölgeruch steigt mir in die Nase. Es wird gefeiert und ich frage mich, wie ich hier hergekommen bin."

Es wird langsam dunkel, als ich mich mit einer anderen Freiwilligen auf den Weg nach Old Dhaka mache. Wir nehmen ein CNG und steuern den Pink Palace an. Es fängt an zu regnen. Glücklicherweise werden wir im CNG nicht nass und nach etwa 30 Minuten erreichen wir unser Ziel. Die Auto-Rickshaw hält an. Die Regentropfen erzeugen das einzige Geräusch um uns herum. Der Regen wird heftiger. Obwohl wir schon bezahlt haben, bleiben wir sitzen. Heute wird Durga Puja gefeiert. Ein Fest der Hindus zu Ehren der Göttin Durga. Und eigentlich sollte die große Feier genau hier in Old Dhaka am Pink Palace stattfinden.

Ein bisschen enttäuscht überlegen wir, ob es wohl schon zu spät ist. Wir fahren weiter und kommen eine Straße weiter in einen Stau. Musik ist zu hören. Es regnet immer noch sehr heftig. Die Musik wird lauter. Der Grund für den Stau ist die blockierte Kreuzung einige Meter von. In dem Licht der Straßenlaternen tanzen Leute wie toll im Regen. Eine Gruppe von jungen Männern springt zu einer Art indischer Dancehall-Musik wild durch die großen Pfützen auf der Straße. Das muss es sein – Durga Puja. Wir steigen aus und rennen Richtung Musik durch den Regen.

Große Laster voll mit Leuten fahren in Schritttempo an uns vorbei. Wie bei deutschen Karnevalsumzügen werfen die Leute mit Kammelle. Alle unter Plastikplanen verstaut wehren sie den Regen ab. Der Stimmung schadet das nicht und alle scheinen das Fest zu genießen. Wir stehen mittlerweile unter einem kleinen Häuservorsprung und beobachten das Spektakel aus dem Halbtrockenen. Neben den Menschen befördern die Laster auch noch große Götterstatuen. Die knallbunten Abbilder werden traditionell im Fluss versenkt. Um auch das mit ansehen zu können, entscheiden wir uns dafür durch den Regen zu rennen. Immer den großen Laster hinterher.

Die Straße wird enger. Der viele Regen hat die Gasse in einen einzigen See verwandelt. Ich krempele meine Hose hoch und steige durch die kniehohe, braune Brühe. Die Situation ist inzwischen etwas unangenehm. Der Regen und meine total durchnässte Kleidung sind weniger schlimm als das Wasser unter mir. Gerade als wir überlegen, dass es besser sei umzukehren, bietet uns ein Laster an aufzusteigen. Ohne zu überlegen nehmen wir die Einladung an.

Nun sitzen wir also hier. Laute Musik neben uns, Ölgeruch in der Luft, eine Plastikplane über uns und viele, feiernde Menschen um uns herum.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Wartestunden

02.10.2008

"Es ist immer nett eingeladen zu werden. Es gibt gutes Essen, es ist nie langweilig und man lernt viele, nette Leute kennen."

Frühstück ist in Bangladesch eine warme Mahlzeit. Ich liege auf meinem Bett und döse ein wenig. Viel essen macht müde. Eid ul-Fitr ist das höchste Fest der Moslems. Das Datum variiert von Jahr zu Jahr, da es sich am Mond orientiert. Wir haben Glück, dass wir uns während der Feiertage in Gaibandha aufhalten. Vergleichbar mit Weihnachten ist es ein Familienfest, Gäste werden aber immer besonders herzlich empfangen. Wir haben bereits das Frühstück hinter uns. Die erste Einladung wahrgenommen. Es ist kurz nach zehn. Wir mussten früh aufstehen und die Einladung zum Mittagessen ist bereits um 11 Uhr.

Eine junge Dame kommt in unser Zimmer und holt uns ab. Ich bin immer noch satt vom Frühstück. Wir brauchen glücklicherweise fast eine halbe Stunde, um das Haus des Präsidenten von USS, einer Partnerorganisation von NETZ, zu erreichen. Ich steige vom Rickshaw-Van und wir betreten das Haus. Wir werden herzlich empfangen und sofort gebeten uns zu setzen. Stühle werden gebracht. Nun sitzen wir im Wohnzimmer. Die Gastgeber sind wieder verschwunden und lassen uns alleine. Nach ein paar Minuten gibt es Wasser und Kekse. Die Gastgeber bleiben weiterhin unserer Runde fern. Wir unterhalten uns und warten darauf, dass irgendetwas passiert. Es dauert eine Weile, dann werden wir der Familie vorgestellt. Inzwischen wurden Möbel nach draußen getragen. Ein großes Sofa, zwei breite Sessel und ein paar Stühle stehen nun im Hinterhof des Hauses. Der Hof ist relativ groß und wir erfahren, dass er gleichzeitig Pausenort für die angrenzende Schule ist.

Wir sitzen draußen im Kreis und wieder wird uns Wasser gebracht. Dazu gibt es kleine Snacks. Der Gastgeber saß kurze Zeit bei uns, ist aber mittlerweile wieder im Haus verschwunden. Es ist Viertel nach zwölf. So langsam kommt mein Hunger wieder, aber ich habe das Gefühl, dass es wohl noch etwas dauern wird. 12:45 Uhr. Wir sitzen immer noch draußen. Es hat sich nichts großartig getan. Ein Mann mit Netz kommt vorbei und beginnt am See, der an den Hof grenzt, zu angeln. Ich stehe auf und gehe zu ihm hinüber, um den Fang zu begutachten. Kleine Fische kommen wieder in den Teich, große in einen Eimer. Ich frage mich, ob das eventuell unser Essen wird. Der Mann verschwindet mit Eimer und Netz auch im Haus.

Obwohl wir alle festlich gekleidet sind, fangen wir an Fußball zu spielen. Ich trage einen Panjabi, ein Geschenk der Partnerorganisation zum Eid-Fest. Das lange Hemd ist eine traditionelle Kleidung in südasiatischen Ländern. Der Baumwollstoff ist luftig und angenehm zu tragen, auch wenn es etwas ungewohnt ist. Es ist fast 14:30 Uhr als wir ins Haus gebeten werden. Wir betreten einen Raum mit einer kleinen Couch, einem Bett und ein paar Stühlen. Die Aufforderung zum Setzen erfolgt prompt. Wir setzen uns und bekommen erneut Wasser und Kekse. Man kann das Essen mittlerweile riechen, aber wir werden wieder alleine gelassen.

Ein paar Minuten später werden wir in einen anderen Raum geführt. Diesmal setzen wir uns auf den Boden. Der Gastgeber bleibt stehen und das Essen wird hereingeholt. Reis, Dal, Gemüse, Fisch und Fleisch finden sich in verschiedenen Töpfen vor uns auf dem Boden. Jedem wird Glas und Teller gereicht. Auch das Auffüllen ist Aufgabe des Gastgebers. Jetzt habe ich wirklich Hunger und freue mich auf das Essen. Sobald zu wenig auf dem Teller liegt, gibt es einen großen Nachschlag. Das Essen schmeckt sehr gut. Die Gastgeberfamilie isst nicht.

Wir sind ungefähr eine halbe Stunde mit Essen beschäftigt, gehen noch mal raus und warten bis alles abgeräumt ist. Erneut werden wir ins Haus gebeten, verabschieden den Gastgeber und danken für das gute Essen. Die nächste Einladung wartet schon.