Herzlich Willkommen auf meinem Blog!


Diese Seite soll mir helfen Euch meine Erfahrungen, meine Eindrücke und meinen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in Bangladesch näher zu bringen.

Von September 2008 bis August 2009 arbeite ich zusammen mit NETZ Bangladesch bei der Entwicklungsorganisation Ashrai. In dieser Zeit bin ich in einem Grundbildungsprogramm in der Region um Joypurhat tätig.

Nähere Infos zu dem Projekt findet Ihr "hier".

Ich werde mich bemühen regelmäßig aus Bangladesch zu berichten. Ihr habt zu jedem Post die Möglichkeit Kommentare abzugegen. Solange nicht anders gewünscht, werde ich die Kommentare nach einer Prüfung meinerseits veröffentlichen. Gerne dürft Ihr mir auch auch E-Mails schreiben oder mich auf eine andere Weise kontaktieren.


Peter


Dienstag, 14. Oktober 2008

Holzwecker

14.10.2008

"7:28 Uhr. Ich drehe mich wieder auf die Seite und versuche noch ein wenig zu schlafen. Vergebens."

Es knackt. Ich schrecke hoch. Es ist dunkel. Ich taste nach meiner Taschenlampe neben mir. Schon wieder. Wieder ein Knacken diesmal lauter als vorher. Ich leuchte durch das Mückennetz ins Zimmer. Alle Türen und Fenster sind gut verschlossen. Plötzlich ist das Geräusch direkt unter mir. Jetzt erst begreife ich die Ursache der nächtlichen Störung. Mit meiner geballten Faust hämmere ich einmal heftig auf mein Bett. Es ist wieder ruhig.

Der Holzwurm hat mich gestern schon gestört. Ich schaue auf mein Handy. 5:42 Uhr morgens. „Wenn ich schon mal wach bin, kann ich auch gerade ins Bad gehen.“, denke ich mir, nehme die Taschenlampe und hebe das Mückennetz an. Ich gehe zur Badezimmertür, mache von außen das Licht an und betrete den kleinen Raum. Ich drehe mich zur Toilette und bleibe etwas erschrocken stehen. Die Spinne im Fenster könnte mit ihren langen Beinen gut und gerne meine Handfläche ausfüllen. Ich überlege, was ich machen kann. Mit dem Vieh direkt über mir, setze ich mich zumindest nicht auf Toilette. Der kleine Eimer zum Spülen scheint mir eine gute Idee zu sein.

Ich ziele auf die Spinne. Das viele Wasser hat sie zumindest verjagt. Gerade als ich das Bad wieder verlassen will, kommen aus dem Nebenzimmer Geräusche. Durch ein kleines Fenster über mir in der Wand scheint Licht in mein Bad. Eine Person betritt das Badezimmer auf der anderen Seite. Die Dusche wird aufgedreht. Ich mache mein Licht aus und schließe die Tür hinter mir. Es ist mittlerweile 6:04 Uhr. Ich lege mich wieder hin. Als ich liege, höre ich den Koch unter der Dusche singen. Ich mache die Augen zu und ignoriere das Gesinge.

Ich brauche ein bisschen, aber dann schlafe ich wieder fest. Ich fühle mich als wäre ich gerade erst eingeschlafen, als mich erneut etwas aufwachen lässt. Ein Hahn. Viele Geräusche von draußen dringen durch die beiden Fenster neben mir. Sie sind zwar verschlossen, aber ohne Glasscheiben halten sie den Schall sehr schlecht ab. Das Krähen folgt einem gewissen Takt und lässt mich nicht wieder einschlafen. Ich gucke auf die Uhr. Fast schon wieder Zeit zum Aufstehen.

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Regentanz

09.10.2008

"Nass bis auf die Knochen sitze ich unter einen Plastikplane. Laute Musik lässt den Untergrund beben. Neben mir ein brummender Motor. Ölgeruch steigt mir in die Nase. Es wird gefeiert und ich frage mich, wie ich hier hergekommen bin."

Es wird langsam dunkel, als ich mich mit einer anderen Freiwilligen auf den Weg nach Old Dhaka mache. Wir nehmen ein CNG und steuern den Pink Palace an. Es fängt an zu regnen. Glücklicherweise werden wir im CNG nicht nass und nach etwa 30 Minuten erreichen wir unser Ziel. Die Auto-Rickshaw hält an. Die Regentropfen erzeugen das einzige Geräusch um uns herum. Der Regen wird heftiger. Obwohl wir schon bezahlt haben, bleiben wir sitzen. Heute wird Durga Puja gefeiert. Ein Fest der Hindus zu Ehren der Göttin Durga. Und eigentlich sollte die große Feier genau hier in Old Dhaka am Pink Palace stattfinden.

Ein bisschen enttäuscht überlegen wir, ob es wohl schon zu spät ist. Wir fahren weiter und kommen eine Straße weiter in einen Stau. Musik ist zu hören. Es regnet immer noch sehr heftig. Die Musik wird lauter. Der Grund für den Stau ist die blockierte Kreuzung einige Meter von. In dem Licht der Straßenlaternen tanzen Leute wie toll im Regen. Eine Gruppe von jungen Männern springt zu einer Art indischer Dancehall-Musik wild durch die großen Pfützen auf der Straße. Das muss es sein – Durga Puja. Wir steigen aus und rennen Richtung Musik durch den Regen.

Große Laster voll mit Leuten fahren in Schritttempo an uns vorbei. Wie bei deutschen Karnevalsumzügen werfen die Leute mit Kammelle. Alle unter Plastikplanen verstaut wehren sie den Regen ab. Der Stimmung schadet das nicht und alle scheinen das Fest zu genießen. Wir stehen mittlerweile unter einem kleinen Häuservorsprung und beobachten das Spektakel aus dem Halbtrockenen. Neben den Menschen befördern die Laster auch noch große Götterstatuen. Die knallbunten Abbilder werden traditionell im Fluss versenkt. Um auch das mit ansehen zu können, entscheiden wir uns dafür durch den Regen zu rennen. Immer den großen Laster hinterher.

Die Straße wird enger. Der viele Regen hat die Gasse in einen einzigen See verwandelt. Ich krempele meine Hose hoch und steige durch die kniehohe, braune Brühe. Die Situation ist inzwischen etwas unangenehm. Der Regen und meine total durchnässte Kleidung sind weniger schlimm als das Wasser unter mir. Gerade als wir überlegen, dass es besser sei umzukehren, bietet uns ein Laster an aufzusteigen. Ohne zu überlegen nehmen wir die Einladung an.

Nun sitzen wir also hier. Laute Musik neben uns, Ölgeruch in der Luft, eine Plastikplane über uns und viele, feiernde Menschen um uns herum.

Dienstag, 7. Oktober 2008

Fremdfarbend

07.10.2008

"Es ist ein normaler Tag. Ich sitze auf einer Rickshaw und fahre durch die Stadt. Ein kleines Mädchen guckt mich erst mich großen Augen an, hebt dann den Arm und zeigt mit dem Finger auf mich. „Bideshi, Bideshi, Bideshi!“"

Eines der ersten Wörter, die man lernt, ist wohl „Bideshi“. Man fällt als „Fremder“ eben auf. Sobald jemand „Bideshi“ ruft, drehen sich die meisten Köpfe nach einem um. Jeder will den Ausländer sehen. So kann es einem beim Einkaufen passieren, dass ein paar Leute vor dem Laden stehen bleiben und einen beobachten. Es bildet sich dann langsam, aber sicher, eine Ansammlung von Menschen. Auch wenn das Einkaufen länger dauert, lassen sich die meisten nicht beirren. „Bideshi gucken“ ist eben besser als nichts zu tun.

Ich stehe an der Straße und warte auf die anderen Freiwilligen. Jemand tippt mir auf die Schulter. Ich drehe mich um und gucke den Mann an. „Excuse me! Your country?“, fragt mich eine wildfremde Person. Ich schätze, dass der Herr vor mir wohl um die 30 Jahre alt sein muss. „Germany.“, antworte ich. „Japan?“, erwidert der Mann, um sicher zu gehen, dass er mich richtig verstanden hat. „No, Germany!“, wiederhole ich meine Antwort. „Ah, Jarmani.“ Er bedankt sich, dreht sich um und geht weg. Solch ein Gespräch ergibt sich recht häufig. Neben dem Land, wollen die meisten Leute auch noch den Namen wissen.

Ich sitze vor einem kleinen Laden. Neugierig kommen die ersten Leute an. Schnell finden sie heraus woher ich komme und wie ich heiße. Da ich mich gesetzt habe, muss ich wohl Zeit haben. Die Gruppe um mich herum hat einen Sprecher auserkoren. Der ältere Mann spricht etwas englisch. Brav beantworte ich alle Fragen. „Wie heißt dein Vater? Was arbeitet er? Bist du zu Besuch hier? Wie lange bist du schon hier? Gefällt dir Bangladesch? Wie alt bist du? Hast du Geschwister? Leben deine Eltern in Deutschland? In welcher Stadt wohnst du? Kommst du aus West- oder aus Ostdeutschland? Bist du verheiratet?“ Irgendwann gehen den Leuten die Fragen aus. Die Menge wird weniger und die meisten sind zufrieden. Noch schnell ein Bild mit dem Handy gemacht und der Tag ist perfekt. Ich habe inzwischen meinen Tee getrunken und darf nun auch gehen.

Wir wurden eingeladen, uns eine kleinere Stadt an zu gucken. Fünf hellhäutige Menschen auf einer Straße in einer kleinen Stadt. Die ersten paar Meter ernten wir nur neugierige Blicke. Wir gehen die Straße weiter entlang. Nach und nach folgen uns Menschen. Ich stelle mir vor, wie es wohl wäre, wenn wir stehen blieben. Vermutlich würden wir einen üblen Stau in der kleinen Stadt verursachen. Wir erreichen einen Bahnhof und betreten die Stufen der Überführung. Die Masse die gerade noch hinter uns war, wartet unten. Als Gruppe kann man gerade in kleinen Städten schnell zu einer Attraktion werden. Der einzige Vorteil: die Fragen werden weniger.

Samstag, 4. Oktober 2008

Schwemmland

04.10.2008

"Grüne Reisfelder wohin das Auge reicht. Ich spüre deutlich jedes Schlagloch des holprigen Feldweges – die größte Straße der Umgebung. Die pralle Sonne scheint schon den ganzen Tag. Fahrtwind weht mir ins Gesicht."

Nach knapp 45 Minuten erreichen wir ein kleines Dorf irgendwo in Gaibandha. Es ist Vormittag, dennoch herrscht eine ungeheure Hitze. Wir gehen einen kleinen Pfad entlang. Hohe Bambussträucher säumen den Weg und bilden abseits einen kleinen Wald. In einem kleinen See baden Kinder und Frauen waschen Kleider. Große Konstrukte aus Bambus zum Fischen stehen im See verteilt. Die Pflanzen um uns herum werden weniger und der Weg endet abrupt. Wind weht. Vor uns Klippen aus Erde und ein Meer mitten in Bangladesch. Der Jamuna ist einer der größten Flüsse im Land. Bei Flut ist er an manchen Stellen 14 km breit. Die letzte Flut hat deutliche Spuren hinterlassen. Wo vorher Weg war, ist nun die neue Anlegestelle der Boote. Wir klettern die Klippen herab und besteigen das Boot.

Die Wasseroberfläche spiegelt die Sonnenstrahlen. Den einzigen Schutz bietet ein flaches Dach aus Wellblech in der Mitte des Holzbootes. Wir treiben eine Weile mit der Strömung, bis ein Motor angemacht wird. Weit und breit ist nichts als Wasser zu sehen. Nur am Horizont ist ein kleiner Streifen Land zu erkennen. Der Motor lässt den kompletten Unterbau wackeln. Das Holz sieht alt und teilweise morsch aus. Unter dem Wellblechdach ist es stickig. Wir sind nun schon 30 Minuten unterwegs. Das Dorf und die Anlegerstelle werden immer kleiner. Uns wird versichert, dass wir unser Ziel in der nächsten halben Stunde erreichen.

Mit meinem Taschenmesser fange ich an eine grüne Kokosnuss anzuschneiden. Die Frucht ist schwer und die Milch deutlich hörbar. Nachdem ich das obere Viertel abgetrennt habe, steche ich nur noch die Mitte kurz an. Wir teilen uns den Inhalt. Als ich den letzten Schluck nehme, ist unser Ziel nur noch ein paar Meter vor uns. Eine kleine Insel im großen Fluss. Die so genannten Chars sind Inseln, die während einer Flut fast komplett überschwemmt werden. Auch auf dieser Insel gibt es mehrere Dörfer. Die Menschen hier zählen zu den ärmsten Leuten Bangladeschs, weil nie sicher ist, ob nicht vielleicht das Haus oder die Ernte weggeschwemmt wird. Das Boot legt an und wir betreten die Insel. Der Untergrund ist sandig. Auch einige Meter vom Ufer entfernt ändert sich daran nichts. Trotzdem wird hier versucht Reis und andere Pflanzen anzubauen. Wir schauen uns die Dörfer und die „Flood Shelter“ an, die von NETZ unterstützt werden. Der Flutschutz ist ein Gebäude, das höher als das Dorf liegt und während der Flut nicht überschwemmt wird.

Wir wandern noch ein wenig über die Char. Ich bin in Gedanken versunken. Die Landschaft erinnert mich an Nordseeinseln.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Wartestunden

02.10.2008

"Es ist immer nett eingeladen zu werden. Es gibt gutes Essen, es ist nie langweilig und man lernt viele, nette Leute kennen."

Frühstück ist in Bangladesch eine warme Mahlzeit. Ich liege auf meinem Bett und döse ein wenig. Viel essen macht müde. Eid ul-Fitr ist das höchste Fest der Moslems. Das Datum variiert von Jahr zu Jahr, da es sich am Mond orientiert. Wir haben Glück, dass wir uns während der Feiertage in Gaibandha aufhalten. Vergleichbar mit Weihnachten ist es ein Familienfest, Gäste werden aber immer besonders herzlich empfangen. Wir haben bereits das Frühstück hinter uns. Die erste Einladung wahrgenommen. Es ist kurz nach zehn. Wir mussten früh aufstehen und die Einladung zum Mittagessen ist bereits um 11 Uhr.

Eine junge Dame kommt in unser Zimmer und holt uns ab. Ich bin immer noch satt vom Frühstück. Wir brauchen glücklicherweise fast eine halbe Stunde, um das Haus des Präsidenten von USS, einer Partnerorganisation von NETZ, zu erreichen. Ich steige vom Rickshaw-Van und wir betreten das Haus. Wir werden herzlich empfangen und sofort gebeten uns zu setzen. Stühle werden gebracht. Nun sitzen wir im Wohnzimmer. Die Gastgeber sind wieder verschwunden und lassen uns alleine. Nach ein paar Minuten gibt es Wasser und Kekse. Die Gastgeber bleiben weiterhin unserer Runde fern. Wir unterhalten uns und warten darauf, dass irgendetwas passiert. Es dauert eine Weile, dann werden wir der Familie vorgestellt. Inzwischen wurden Möbel nach draußen getragen. Ein großes Sofa, zwei breite Sessel und ein paar Stühle stehen nun im Hinterhof des Hauses. Der Hof ist relativ groß und wir erfahren, dass er gleichzeitig Pausenort für die angrenzende Schule ist.

Wir sitzen draußen im Kreis und wieder wird uns Wasser gebracht. Dazu gibt es kleine Snacks. Der Gastgeber saß kurze Zeit bei uns, ist aber mittlerweile wieder im Haus verschwunden. Es ist Viertel nach zwölf. So langsam kommt mein Hunger wieder, aber ich habe das Gefühl, dass es wohl noch etwas dauern wird. 12:45 Uhr. Wir sitzen immer noch draußen. Es hat sich nichts großartig getan. Ein Mann mit Netz kommt vorbei und beginnt am See, der an den Hof grenzt, zu angeln. Ich stehe auf und gehe zu ihm hinüber, um den Fang zu begutachten. Kleine Fische kommen wieder in den Teich, große in einen Eimer. Ich frage mich, ob das eventuell unser Essen wird. Der Mann verschwindet mit Eimer und Netz auch im Haus.

Obwohl wir alle festlich gekleidet sind, fangen wir an Fußball zu spielen. Ich trage einen Panjabi, ein Geschenk der Partnerorganisation zum Eid-Fest. Das lange Hemd ist eine traditionelle Kleidung in südasiatischen Ländern. Der Baumwollstoff ist luftig und angenehm zu tragen, auch wenn es etwas ungewohnt ist. Es ist fast 14:30 Uhr als wir ins Haus gebeten werden. Wir betreten einen Raum mit einer kleinen Couch, einem Bett und ein paar Stühlen. Die Aufforderung zum Setzen erfolgt prompt. Wir setzen uns und bekommen erneut Wasser und Kekse. Man kann das Essen mittlerweile riechen, aber wir werden wieder alleine gelassen.

Ein paar Minuten später werden wir in einen anderen Raum geführt. Diesmal setzen wir uns auf den Boden. Der Gastgeber bleibt stehen und das Essen wird hereingeholt. Reis, Dal, Gemüse, Fisch und Fleisch finden sich in verschiedenen Töpfen vor uns auf dem Boden. Jedem wird Glas und Teller gereicht. Auch das Auffüllen ist Aufgabe des Gastgebers. Jetzt habe ich wirklich Hunger und freue mich auf das Essen. Sobald zu wenig auf dem Teller liegt, gibt es einen großen Nachschlag. Das Essen schmeckt sehr gut. Die Gastgeberfamilie isst nicht.

Wir sind ungefähr eine halbe Stunde mit Essen beschäftigt, gehen noch mal raus und warten bis alles abgeräumt ist. Erneut werden wir ins Haus gebeten, verabschieden den Gastgeber und danken für das gute Essen. Die nächste Einladung wartet schon.